Ein interessanter Aspekt bei der Kundenberatung von Existenzgründern und Jungunternehmern ist immer wieder, dass der Begriff des Corporate Designs zwar bekannt ist, aber in seiner Bedeutung völlig falsch eingeordnet wird.
Gerade neulich hatte ich wieder so einen Fall. Eine Kollegin aus meinem Gestalter-Netzwerk in Hannover hatte mich weiterempfohlen, weil “schnell” das Logo für ein neues Unternehmen gestaltet werden musste. Von so etwas bin ich kein Freund. In ein Logo muss viel Sorgfalt investiert werden, denn schließlich soll es ein Unternehmen für eine lange Zeit begleiten. Zeitdruck aber ist der Todfeind der Sorgfalt. Wie auch immer, es ging gut – das Logo, das ich im Eilverfahren entworfen hatte, wurde mit großem Lob akzeptiert und superpünktlich bezahlt.
Eigentlich war mein Auftrag damit erledigt, doch die Kundin fand meine Arbeitsweise gut und bat mich, auch Ihre Geschäftsausstattung und die Website für das neue Unternehmen zu entwerfen – und später vielleicht auch mal einen Folder oder eine Broschüre. An dieser Stelle empfahl ich ihr zunächst einmal, über einen einheitlichen optischen Auftritt – ein Corporate Design – nachzudenken. Die Kundin zögerte nicht lange: “Machen Sie mir ein Angebot!”
Professionell improvisieren
Das Angebot erstreckte sich auf die üblichen Aspekte eines einheitlichen Unternehmensauftritts: Farbwahl, Typografie, Formgebung, Bildsprache, Layoutraster sowie die Materialwahl bei Druckstücken. Die Nutzungsrechte wurden behandelt und ein Styleguide bzw. alternativ ein ausführlicheres CD-Manual waren aufgeführt. Zudem hatte ich noch die Preise für die Erstellung von Template-Dateien erwähnt, die früher oder später ohnehin anfallen, sowie ergänzend Reinzeichnungskosten. Da es sich um eine Existenzgründerin handelte, hatte ich sogar überaus kundenfreundlich kalkuliert.
Nach etwa einer Woche meldete sich die Kundin bei mir per E-Mail: “Es ist sicher sehr professionell, ein Corporate Design zu entwickeln. Aber ich muss es auch bezahlen können. Wenn mein Unternehmen nächstes Jahr oder so zum Überflieger wird, dann arbeiten wir an einem echtem Corporate Design. Bis dahin müssen wir professionell improvisieren. Es muss gut aussehen und doch bezahlbar bleiben.”
In der gleichen Mail fasste die Kundin zusammen, was ich alles für sie umsetzen sollte:
Visitenkarten, Briefpapier, den Stempel und eine Website
ein Schreibblock, Druckbleistifte und/oder Kugelschreiber
Aufkleber und CD-Labels
einen Folder und Deckblätter für Unterlagen
Urkunden und Gutscheine
Postkarten zur Verteilung in Kneipen-WCs
Anzeigen für die Lokalzeitung und Webbanner
Nun ist es so: Wenn ein kleines Unternehmen lediglich Visitenkarte und Briefpapier benötigt und damit auf lange Sicht glücklich ist, dann kann man sich ein haarklein ausgearbeitetes Corporate Design schenken. Aber in diesem Falle wollte die Kundin in kurzer Zeit über ein Dutzend völlig unterschiedliche Produkte haben, die alle zueinander passen sollten – und sie sprudelte zudem immer neue Ideen hervor. Und das sollte ich “professionell improvisieren”?
Milchmädchenrechnung
Die Kundin wollte alles streichen, was im Angebot nicht unter der verhältnismäßig preiswerten “Erstellung von Template-Dateien” lief und glaubte, auf diese Weise Geld sparen zu können. Doch diese Herangehensweise ist eine Milchmädchenrechnung. Wenn höchst unterschiedliche Produkte optisch zusammenpassen sollen, dann muss man sich Gedanken über ein optisches Regelwerk machen. Es ist egal, ob man diesen Aufwand im Angebot aufschlüsselt oder in den Posten der Template-Erstellung hineinrechnet – der Aufwand bleibt gleich, die Kosten auch.
Meine Kundin fiel aus allen Wolken, als ihr das klar wurde. “Im Existenzgründerseminar sind wir da nur kurz drauf eingegangen”, klagte sie. “Wir haben vornehmlich über Zahlen geredet.” Das ist toll, liebe Existenzgründerseminarleiter. Das ist toll, dass ein neues Unternehmen nicht gleich pleite geht, weil die Neuunternehmer verstehen, wie man Zahlen auswertet. Aber ein Produkt oder eine Dienstleistung verkauft sich eben nicht per Excel-Sheet. Es verkauft sich über Werbemaßnahmen. Und betriebswirtschaftlich sinnvolle Werbung funktioniert nur mit einem vernünftigen Corporate Design.
Nicht auf Sand bauen
Ein Haus baut man nicht auf Sand. Dafür gibt es einen guten Grund: Es droht der Einsturz. Das gilt auch für Ihren Unternehmensauftritt: Gießen Sie ein solides Fundament und errichten Sie von da aus Stockwerk für Stockwerk. Sparen Sie nicht an falscher Stelle! Später den Sand ausschwemmen und durch Beton ersetzen ist zwar möglich – aber viel aufwändiger und viel, viel teurer, als wenn Sie gleich zu Baubeginn ein bisschen mehr investiert hätten.

Sehr schöner Artikel und sehr schönes, bereits jetzt prall gefülltes Blog. Bin schon gespannt, wie sich das so entwickelt. Sag Bescheid, wenn die RSS Inhalte auf die Website sollen!
Es grüßen
Die Jungs von pixelcreation
Hallo Ihr Jungs von pixelcreation!
Freut mich, dass Euch der Artikel gefällt :) Wenn Ihr die RSS-Anbindung im Laufe der kommenden Woche auf die Startseite brächtet wäre das toll.
Gero
Leider ist ja der Ansatz nur allzu richtig und korrekt – die Frage bleibt, wie kann man Existenzgründer auf eine solche Grundsatzüberlegung hinführen? Die Gründer-Seminare scheinen eine schlechte Vorbereitung zu sein. Muss man nicht selbst ins Gründerseminar-Business einsteigen und (vielleicht in einer konzertierten Aktion) die Neueinsteiger auf solche wichtigen Aspekte ihrer neuen Selbstständigkeit vorbereiten??
Gruß aus Herrenhausen,
Tom
Offenbar wird in diesen Seminaren nicht deutlich gemacht, dass gleich von Anfang an um die 10.000 Euro für erste Marketingmaßnahmen – zu denen das Corporate Design sowie dessen Umsetzung in diverse Anwendungen wie Website und Geschäftsausstattung zählt – einfach parat sein müssen.
Dein Vorschlag, Tom, ist gut: Wir müssen rein in diese Seminare und das verdeutlichen.
Ich wäre dabei: entweder man dockt sich bei Hannover-Impuls & Co. an oder macht evtl. etwas Eigenes, oder?
Sollten wir mal drüber reden…
Hallo Ihr 2,
grundsätzlich eine gute Idee – ich habe ja selber mal vor einiger Zeit so ein Seminar bei Hannover Impuls mitgemacht… Das Niveau – sowohl die potenziellen Gründer als auch die Inhalte betreffend – ist sehr, sehr wechselhaft. Alleine, was ich in einem Block zum Marken- und Urheberrecht für einen Unsinn vom Dozenten mit anhören musste – da wundert es einen nicht, wenn in den Businessplänen der Gründer Marketingkosten nicht realistisch vorgesehen sind. Mal davon abgesehen, dass es aus Sicht eines Gründers sicher sinnvoll wäre, VOR der Gründung 1-2 Angebote einzuholen, um einen realistischen Kostenrahmen schon im Businessplan berücksichtigen zu können.
Die Frage bleibt für mich dabei: Wie macht man einen Schuh draus??
Vielleicht selber in die Seminare einsteigen?
So etwas meinte ich, gemeinsam ein Angebot schaffen und dann auf entsprechende Träger zugehen – natürlich gegen Bargeld. Hat uns ja Zeit und Mühe gekostet, “echtes” Wissen zu erwerben…
Du meinst so eine Art Crashkurs Anfangsmarketing über sämtliche Kanäle? Simon referiert zum Thema Wichtigkeit einer Website, Du zum Thema Suchmaschinenoptimierung und ich zum Thema Corporate Design, wobei wir die Kosten im Blick halten und Strategien zur Kostenminderung empfehlen?
Wäre mir als Thema für mich fast zu wenig, ich würde es eher “Self-Marketing” nennen wollen und inhaltlich deutlich anders positionieren durch weitere Elemente wie Social Marketing. SEO kann dann Teil davon sein (zumindest angerissen in Hinsicht Suchmaschinen & Co.)
Ja, so etwas würde ich sogar gerne machen, wenn man da etwas zusammen bringen würde… toll!
Guter Plan, Tom. Hast Du Kontakte zu Existenzgründungsseminarleitern oder deren Unternehmen?
Das ganze schöne Design hilft aber nichts ohne eine Marketingstrategie. Erst die strategische Arbeit (EKS, Zielgruppen, Alleinstellungsmerkmale, Reason Why, Marketinginstrumentarium, …) und dann dürfen die Kreativen ran.
Zumindest muss das Hand in Hand gehen. Auch die PR sollte gleich mit bedacht werden, darum arbeite ich auch gerne in kleinen, flexiblen und spezialisierten Teams.
“Hand in Hand” ist richtig, Gero. Viele der Punkte von ‘scheuert’ sind vom Kreativpart nicht wirklich zu trennen. Und: auch Kreative können strategisch denken. Naja, zumindest einige.