Denglish, Teil 2

An anderer Stelle habe ich mich schon einmal bemüßigt gefühlt, einige Worte zum überflüssigen Einsatz der englischen Sprache im deutschen Alltagsgebrauch zu verlieren. Von derart mahnenden Worten kann es aber anscheinend nicht genug geben.

Aus beruflichen Gründen beschäftige ich mich mit Dingen, die mit englischem Vokabular belegt sind. Klar kann man zwar “Unternehmensidentität” sagen, “unternehmeseinheitlicher visueller Auftritt”, “unternehmenseinheitliches Verhalten” und “Unternehmenskommunikation”. Aber dafür haben sich nun einmal die Begriffe Croporate Identity, , Corporate Behaviour und Corporate Communication eingebürgert – es wurde zu ganz normalem Sprachgebrauch. Es ist auch ganz normal, dass es Einflüsse aus anderen Sprachen gibt. Man redet ja auch nicht von einem Fahrzeughäuschen, sondern von einer Garage.

Der Sprachimport ist zudem keine Einbahnstraße: In den USA schickt man Kinder in den “Kindergarden”, Wanderer tragen einen “Rucksack”, und man wünscht sich auch auf Amerikanisch “Gesundheit”, wenn jemand niesen musste.

Aber ich empfinde es als bodenlose Frechheit, die größte Errungenschaft der deutschen, nein, der abendländischen Wirtschaftsgeschichte ins Englische zu übersetzen, um es dann als Bullshit-Bingo-Begriff zu reimportieren. Und damit meine ich die großartige soziale Marktwirtschaft, erdacht von Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack, die als blutleere und weichgespülte zurückschwappt.

Der von mir sehr geschätzte Bundesverband mittelständische Wirtschaft (BVMW) macht aktuell ein Riesenbohei um dieses Blähwort. Ich bleibe dabei: Moralisch und ethisch richtiges, soziales und nachhaltiges Wirtschaften heißt nicht Wischiwaschicorporatedingsbums, sondern soziale Marktwirtschaft, und wir können froh und dankbar sein, dass der Mittelstand sich dran hält. Sonst wären unsere blühenden Landschaften nämlich längst von Heuschrecken kahlgefressen worden.

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About Gero Pflüger

Elf Jahre lang, davon lange in Führungspositionen, war ich als Grafiker bei einem europaweit tätigen Finanzdienstleister beschäftigt und dort zuständig für den Firmenauftritt. Seit 2007 bin ich selbstständiger Berater für Corporate Design in Hannover.
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2 Responses to Denglish, Teil 2

  1. Chapeau!.. wie der Franzose sagt – guter Artikel.
    Aber nicht nur der BVMW nutzt dieses Wort – auch die ebenso ehren- und erwähnenswerte PHR – und verleiht dazu seit Jahren auch noch den “CSR-Award”.

    Die Frage, die sich mir dabei stellt: Ist die sog. “soziale Marktwirtschaft” tatsächlich der Urvater der sog. “CSR”?

    M.E. ist die (übersetzt) “Unternehmerische Sozialverantwortung” etwas ganz anderes, nämlich ein Teil des jeweiligen Unternehmens-Wertes, bestehend aus der sozialen, unternehmerischen Verantwortung in Sachen “Soziales” und “Umwelt”. Wohingegen die soziale Marktwirtschaft ein “Politikum” darstellt und in meinen Augen lediglich ein Teil der gesamten Marktwirtschaft ist.

    Beste Grüße….

  2. Silencer says:

    Die soziale Marktwirtschaft ist der sogenannte dritte Weg zwischen dem menschenverachtenden Raubtierkapitalismus nach US-Vorbild (dem wir mittlerweile zwei Weltwirtschaftskrisen, eine geplatzte New-Economy-Blase sowie zahlreiche kleinere Krisen und damit unsägliches Leid zu verdanken haben) und der lebensuntüchtigen und ebenso menschenverachtenden Planwirtschaft nach sozialistischer Vorstellung.

    Die Kräfte des Marktes dürfen in ihr zwar walten, aber nur im Sinne des Gemeinwohls. Bis der Begriff des Shareholder Values erfunden wurde, hat das auch alles ganz gut geklappt – dann kamen die Finanzinvestoren und schlugen alles kurz und klein, und die Politik versagte von rechts bis links im Widerstand gegen diesen Aggressor, während das Trojanische Pferd einer gelb-blauen Pünktchenpartei ihre Standarten über den Trümmern des Sozialbegriffs hisste.

    Die soziale Marktwirtschaft fordert von Unternehmen, die an diesem Markt teilnehmen wollen, per se genau das, was Du unter “unternehmerische Sozialverantwortung” beschreibst (ok, der Umweltgedanke ist relativ neu). Unsere lieben börsennotierten Großunternehmen stehlen sich übrigens mit ein paar billigen Kunstausstellungen und Wohlfahrtsprojekten aus ihrer Verantwortung. Und Steuern zahlen sie ohnehin nicht. Sobald der Shareholder Value in Gefahr ist, muss man plötzlich “Synergien nutzen”, “Human capital freisetzen” etc, was alles nicht nötig wäre, wenn die soziale Verantwortung ernst genommen werden würde. Mit dem englischen begriff bekommen wir nur ein neues Deckmäntelchen.