Blindbewerbungen sind gut, aber nicht so

Ich bin kein professioneller Bewerbungscoach, aber mir als potenziellem Arbeitgeber sind bestimmte Dinge bei einer Bewerbung sehr wichtig, und ich vermute, dass das nicht nur mir so geht, sondern den meisten Arbeitgebern, die etwas auf ihr Unternehmen halten. Was das im Einzelnen ist – dazu in diesem Artikel. Nur vorab schon einmal: Sobald ich auf den ersten Fehler stoße, beginnt meine Antwort grundsätzlich mit dem Wort „leider“.

Meinen Studentinnen und Studenten am b.i.b. International College in Hannover erläutere ich regelmäßig, dass eine Blindbewerbung grundsätzlich eine größere Chance als eine normale Bewerbung hat, Beachtung zu finden. Im Unterschied zu einer normalen Bewerbung, die auf eine konkrete Stellenanzeige eines Unternehmens hin abgeschickt wird, bewirbt sich der Bewerber mit einer Blindbewerbung um eine Stelle, von der er nur im Optimalfall weiß, dass sie demnächst frei wird oder bereits frei ist. Als ich noch als Angestellter der Leiter der In-House-Grafik bei einem großen Finanzdienstleister in Hannover war, behielt ich die Kopie einer Blindbewerbung ganze zwei Jahre lang in der Schublade, weil der Bewerber ausgesprochen interessant war. Als ich dann endlich Bedarf haben durfte, fragte ich ihn an, ob er noch Interesse an einer Stelle hätte. Eine Blindbewerbung kann also auch langfristig Erfolg haben – ein Arbeitgeber spart sich so den langwierigen und kostenintensiven Prozess einer Anzeigenschaltung.

Eine Bewerbung ist so etwas wie ein Direktmailing. Dazu habe ich mich schon einmal in diesem Artikel ausgelassen. Entsprechend lauern bei einer Bewerbung Tücken. Nicht bloß bei Blindbewerbungen. Nur eine Sache ist bei Blindbewerbungen wichtiger als bei einer normalen Bewerbung: Im Vorfeld muss der Bewerber deutlich intensivere Recherchearbeit leisten. Ich erhalte durchschnittlich einmal pro Woche einen Anruf, der dieser Recherche dient. Meist meldet sich eine sehr junge, sehr aufgeregte Stimme und fragt, ob ich einen Schüler-Praktikumsplatz bieten könne. (Das kann ich übrigens normalerweise nicht.) Manchmal kommen diese Anfragen auch per E-Mail. Das sind dann alles deutlich Vorab-Anfragen, und reagierte ich darauf positiv, würde dann auch eine Bewerbung folgen.

Heute erhielt ich eine Blindbewerbung. Und nachdem ich zehn Minuten lang fassungslos war, begann ich, diesen Artikel zu schreiben.

Bewerbung, Fehler Nummer 1: Die falsche Adresse.

Wie schon im oben erwähnten Beitrag über Direktwerbung erläutert, ist es entscheidend, seine Bewerbung korrekt zu adressieren. Es kann nicht sein, dass ich eine Bewerbung erhalte, die einfach an „Pflüger“ geht. Schon die Höflichkeit gebietet, wenigstens ein „Herrn“ oder meinen Vornamen davorzusetzen, wenn es schon nicht für die richtige Firmenanschrift reicht. Es wäre ebenfalls hilfreich, eine Absenderadresse auf den Umschlag zu schreiben. Die Post transportiert Briefe zwar auch ohne diese Angabe, aber es gibt nun einmal Konventionen, an die man sich besser hält, um nicht negativ aufzufallen. Erhalte ich einen Brief ohne Absenderangabe, stelle ich mir immer die Frage, was der Absender wohl zu verbergen hat.

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Briefumschlag der Blindbewerbung

Bewerbung, Fehler Nummer 2: Mangelnder Respekt.

Wenn Sie sich das Bild des Umschlags angesehen haben, haben Sie schon festgestellt, dass es sich um einen DIN-lang-Umschlag handelt. Der ist zwar deutlich günstiger zu versenden als ein DIN-C4-Umschlag (nur 0,55 statt 1,45 Euro), aber es passt eben auch keine Bewerbungsmappe hinein. Zwangsläufig müssen also die Unterlagen gefaltet werden, und ebenso zwangsläufig passt nur sehr wenig hinein. In diesem Falle war nur ein einziger – wie sage ich’s wertneutral? – Zettel drin. Dieser Zettel sieht aus wie ein auf einer elektrischen Schreibmaschine getippter (kein Witz!) und inklusive Unterschrift (auch kein Witz!) auf leicht vergilbtes Papier (wirklich wahr!) kopierter (unglaublich!) Brief aus den 1980er Jahren. Entsprechend steht auch „Sehr geehrte Damen und Herren“ drüber statt einer vernünftigen Anrede. Es handelt sich also offenbar um eine Massenaussendung, und das nehme ich schon wahr, bevor ich überhaupt ein einziges Wort gelesen habe. So etwas empfinde ich bei einer Bewerbung als Frechheit. Wenn jemand mir so wenig Wertschätzung entgegenbringt, dass er mir komplett kopierte Briefe schickt, wie behandelt dieser Mensch dann wohl meine Kunden? Ebenfalls so, äh, individuell?

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Das „Anschreiben“

Bewerbung, Fehler Nummer 3: Unvollständige Unterlagen.

In diesem Fall habe ich nur ein Anschreiben erhalten. Keinen Lebenslauf, keine Referenzen, keine Zeugnisse – nichts. Was soll ich damit? Wie soll ich mir ein Bild von dem Bewerber machen? Ich opfere doch nicht meine Zeit und lade jemanden zu einem Vorstellungsgespräch ein, von dem ich überhaupt gar nichts weiß! Die größten Chancen auf eine Stelle haben nach wie vor diejenigen, die bereit sind, offen zu sein. Antidiskriminierungsgesetz hin oder her.

Bewerbung, Fehler Nummer 4: Grammatik, Zeichensetzung, Rechtschreibung.

Wenn ich in einem Bewerbungsanschreiben über einen Rechtschreibfehler, eine falsche Satzkonstruktion oder ein offensichtlich falsch gesetztes Komma stolpere, geht die ganze Sache postwendend zurück an den Absender. Ich kann keine Leute brauchen, die Sprache respektlos behandeln: Als Gestalter hat man schließlich ständig mit Sprache zu tun. Und so muss man für Sprache selbst ein Faible haben. Natürlich dürfen im Alltag auch mal Fehler passieren. In meinen Blog-Einträgen dürfte es auch vor Fehlern wimmeln. Eine Bewerbung jedoch ist kein Alltag, sondern entscheidet über eine Karriere. Da werde ich wohl wenigstens mal die Rechtschreibkontrolle in Gang setzen können! Ich kenne Leute, die ihre Bewerbungen einem Lektor übergeben und dafür Willens sind, Geld zu bezahlen.

Selbst wenn die Rechtschreibung in Ordnung ist (wie in diesem konkreten Beispiel), lauert noch immer der Feind der Zeichensetzung und der Grammatik. Auch diese Fragen kann ein Lektor lösen. Notfalls reicht da auch der nette Deutschlehrer aus der Nachbarschaft. Der freut sich als Dankeschön bestimmt auch über einen schönen Bordeaux für um die zehn Euro.

Bewerbung, Fehler Nummer 5: Anschreiben passt nicht.

Der Inhalt des Anschreibens kann über Wohl und Wehe der ganzen Bewerbung entscheiden. Überzeugt mich das Anschreiben nicht, schaue ich mir den Rest der Bewerbung erst gar nicht an. Gut, das entfiel hier mangels Lebenslaufs und sonstiger Unterlagen ohnehin. Gerade jedoch dann, wenn man nicht viel vorzuweisen hat (wie zum Beispiel meine Studentinnen und Studenten, weil sie am Beginn ihrer Karriere stehen) muss das Anschreiben ein Knaller und dem Empfänger auf den Leib geschrieben sein. Wehe dem, der da die Damen und Herren anspricht, so sehr geehrt sie auch sein mögen! Unbedingt gehört in das Anschreiben hinein, warum sich der Bewerber für mein Unternehmen interessiert. Der allgemeine Hinweis auf „ich mag Computergrafik“ reicht da einfach nicht.

Doch hier geht es schon im Betreff los: „Bewerbung als Technischer Illustrator“. Was hat sich der Bewerber da bloß bei gedacht? Ich bin im Corporate Design daheim – technische Zeichnungen sind in meinem Umfeld nicht regelmäßig gefragt (wenn doch, kaufe ich diese Leistung ein). Und das hätte der Bewerber auch mit ein paar Klicks auf dieser Website problemlos herausfinden können.

Bei der Gelegenheit hätte er auch feststellen können, dass es sich um ein Grafikbüro handelt, bei dem er sich bewirbt. Es geht also um Gestaltung. In solchen Fällen ist es durchaus hilfreich, eine gut gestaltete Bewerbung einzureichen – mit anständigem Satzbild, Absätzen, einer vernünftigen Schrift und einem Briefumschlag, bei dem die selbstklebende Lasche nicht schon seit drei Jahren immer brauner wird.

Besonders interessant finde ich die Anmerkung, dass die berufliche Ziele des Bewerbers bei ihm eine wichtige Rolle spielen, da er Single sei. Klingt toll: Keine Beziehung steht seiner Arbeitsleistung im Wege! Was ich daran auszusetzen habe? Die Aussage impliziert, dass er, sobald er mal nicht mehr Single ist, seine Leistung für mein Unternehmen reduziert. Abgesehen davon bin ich verheiratet, habe ein Kind, und trotzdem sind mir meine beruflichen Ziele wichtig. Dabei fällt mir auf: Welche beruflichen Ziele hat der Bewerber denn eigentlich? Mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel verdienen? Dem Chef möglichst viel Zeit stehlen? Keine Ahnung – leider wird er nicht konkret.

Nicht mehr benötigte Bewerbungsunterlagen – auch unverlangt eingesandte – sende ich grundsätzlich an den Absender zurück, denn die Mappen, die Kopien und die Fotos kosten den Bewerber viel Geld. Das ist leider nicht bei allen Unternehmen selbstverständlich. Für mich jedoch ist es eine Frage des Respekts und der Wertschätzung. Das einzige, was ich üblicherweise behalte, sind die Anschreiben. Das werde ich auch in diesem Falle so halten. Ich überlege allerdings noch, wie ich dem Bewerber absage. Vielleicht besorge ich irgendwoher noch eine alte Schreibmaschine und kopiere mein Getippsel dann inklusive Unterschrift auf zehn Jahre altes Kopierpapier. Doch das wäre nicht mein Niveau, und so werde ich seine Bewerbung ganz höflich ablehnen.