PR-Desaster leicht gemacht

Mit etwas Geschick kann man PR-Effekte quasi im Vorbeigehen mitnehmen, ohne dafür tief in die Tasche greifen zu müssen. Man kann diese Gelegenheiten einfach versäumen, weil man sie nicht erkennt. Dann passiert zwar nichts Positives, aber eben auch nichts Negatives. Man kann die Gelegenheit jedoch auch beim Schopfe packen, ihr ein paar gezielte Faustschläge in den Magen verpassen und, wenn sie sich dann vor Schmerzen am Boden windet, noch mal ordentlich hineintreten. Klingt absurd? Genau das aber habe ich gestern Abend erlebt: das Abschlachten einer großartigen PR-Chance.

Die Netzwerk-Plattform XING hat eine ziemlich rege Anwendergruppe in Hannover. Diese Gruppe namens Hannover Networking veranstaltet mehrmals im Jahr Treffen. Sie finden in wechselnden Locations, meist großen Restaurants, Hotels oder anderen Orten mit Catering, statt und kosten aktuell 15 Euro Eintritt. Dafür ist dann Essen inklusive. Bis zu 250 Gäste sind bei diesen Treffen anwesend, die meisten davon (Hosen-) Anzugträger. In entspannter Atmosphäre können die Mitglieder dann nach Herzenslust untereinander networken. Das gemeinsame Essen ist dabei besonders wichtig, denn während man speist, kann man die Leute kennenlernen, die zufällig neben einem Platz genommen haben.

Wie gesagt – es geht um nur 15 Euro Eintritt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass diese 15 Euro Eintritt bei den Veranstaltungen, die etwa im Besitos abgehalten worden sind, auch nur entfernt die Kosten decken: Das Buffet war stets riesig (kalte und warme Speisen, vegetarisch und mit Fleisch, Salate, Beilagen, Desserts, Saucen, und und und), die Qualität der Speisen (und des Personals) war jedes Mal herausragend, und den ganzen Abend standen gut gelaunte Leute am Grill und grillten kleine Steaks, Hühnerbrüste und Gambas für die Gäste. Es liefen sogar schon Masseurinnen herum, die für einen freiwilligen Betrag die Verspannungen aus den Schultern kneteten.

Der Inhaber des Besitos wirft offenbar einfach ein paar Euro pro Gast dazu, lässt seine Belegschaft zeigen, was sie drauf hat (und die hat was drauf!), macht damit alle glücklich und sorgt so dafür, dass die XING-Gäste wiederkommen. Und dass sie ihre Freunde und Verwandten mitbringen. Und dass sie völlig und ohne selbst etwas davon zu haben Links von der eigenen auf die Website des Besitos legen, verbunden mit der uneingeschränkten Empfehlung, dort mal essen zu gehen. Der Mann weiß, wie man ohne großen Aufwand richtig gute PR-Arbeit macht.

Am gestrigen Abend – die XING-Veranstaltung gastierte im noch recht neuen und weitgehend unbekannten Casino RP5 in Hannover – waren 91 Teilnehmer angemeldet. 91 Teilnehmer, die offensichtlich Interesse an Kontaktpflege haben, also 91 Multiplikatoren, die vollständig kostenlos in ihrem Kollegen- und Bekanntenkreis für das RP5 werben könnten.

Der Betreiber dieser Location hatte offenbar gar nicht kapiert, was für ein PR-Schnäppchen ihm angeboten worden war, als die Anfrage der XING-Gruppe bei ihm einging. Ihm ging es anscheinend bloß um das kurzfristige Geschäft dieses einen Abends. Und so zerstörte er in seiner naiven Kalkulation alle Chancen auf positive PR und sorgte nachhaltig für einen schlechten Ruf bei diesen 91 Multiplikatoren. Doch der Reihe nach.

Im Veranstaltungsraum waren zwei kleine Tischlein aufgebaut, die das Geschirr, die Bestecke, Servietten und das Buffet trugen. Für das Buffet war so wenig Platz, dass es in einer Art Etagere gestapelt werden musste – nicht schön, aber platzsparend. Auf den Blechen lag Fingerfood – kleine, kalte Spießchen mit dünnen Scheiben gefüllten Schweinefilets, mit marinierter Hähnchenbrust, Lachs im Pfannkuchen und ein Spieß mit einer Garnele und ein bisschen exotischem Obst. Für die Beilagenexperten gab es kleine Scheiben Schwarzbrot mit Tomatenstückchen (oder so etwas in der Art), einen nicht näher zu identifizierender Salat in einem klitzekleinen Glas und den obligatorischen Minimozzarella-Kirschtomatenspieß. Als Dessert gab es einen Spieß mit Obst.

Das war’s.

Na gut, dachten wir uns. Immerhin schmeckt’s gut, also ist das nicht so schlimm, dass wir hier nur kalte Vorspeisen kriegen. Wir, das waren insgesamt etwa zehn Teilnehmer, mit denen ich mich im Verlauf des Abends über die Veranstaltung unterhalten hatte, unter anderem Niels Koopmann, einem Geschäftsführer des mittelständischen Metallverarbeiters ANT Technologie GmbH, und den beiden in Hannover wie bunte Hunde bekannten PR-Leuten Thomas M. Ruthemann und Frank-Michael Preuss. Vorspeisen sind nicht schlimm. Dachten wir.

Doch nachdem die winzigen Teller der Gäste das zweite Mal mit bis zu vier Minispießen befüllt waren, war das Buffet leer. Und es blieb leer, den hungrig um die Etageren schleichenden Gästen zum Trotz. Offenbar stand jedem Gast Fingerfood im Wert von 15 Euro zu. Und als das aufgefuttert war, gab’s eben nix mehr. Und damit beginnt das PR-Desaster. Denn mit dem Hunger wuchs auch die Unzufriedenheit der Gäste.

Kaum war klar, dass das Buffet sich nicht wieder füllen würde, verließen die ersten XING-Multiplikatoren das Etablissement, während die PR-Leute überlegten, ob wir uns eine Pizza ins RP5 bestellen sollten. Spätestens jetzt hätte der anwesende Verantwortliche des Hauses die schlechte Stimmung erfassen und auf eigene Kappe Nachschub aus der Küche ordern müssen – doch er tat es nicht.

Entsprechend lichteten sich die Reihen der hungrigen Gäste zusehends, und als dann um 20:30 Uhr eine Führung durch das Casino angeboten wurde, war der Saal schon quasi leer. Da sattelte dann auch ich die Hühner und ging 100 Meter weiter im Hauptbahnhof in ein amerikanisches Fast-Food-Lokal, um meinen Hunger zu stillen.

Das RP5 bekommt von mir bescheinigt, dass die Küche ganz leckeres Fingerfood zustande bringt und dass das Servicepersonal sehr aufmerksam ist. Das Management aber ist unsensibel, unflexibel, krämerisch und offenbar sträflich dumm. Da gehe ich nicht mehr hin, und empfehle es auch niemandem. Schade, denn gerne wäre ich mal ins Prachtstück gegangen, das Steakrestaurant im RP5, um eines der sagenhaften Steaks (immerhin um die 40 Euro) zu essen.

Als ich bereits um kurz nach 21 Uhr nach Hause kam, fragte mich meine Frau, was ich denn schon daheim wolle – normalerweise dauern die XING-Events für mich bis Mitternacht. Meine Frau kennt jetzt die Geschichte des Abends. Und wird das RP5 wohl nie besuchen. Auch wer meine frustrierten Tweets gelesen hat, wird wohl keine Lust mehr haben auf den Laden. „Jede PR ist gute PR“, hieß es früher mal. Doch heute, in Zeiten von Blogs, Facebook und Twitter, hat dieser Satz keine Gültigkeit mehr. Heute kann schlechte PR einfach tödlich sein.

Update:
…und wie man PR-Katastrophen wieder einfangt, lest Ihr hier.