OUTFITTERY versklavt Kreative – UPDATE

Ich rege mich gerade auf. Möglicherweise maßlos. Aber vermutlich eher mit voller Berechtigung. Denn mein Kollege Pascal Wabnitz vom Edelkollektiv hat mich auf eine Stellenanzeige des Online-Herrenausstatters OUTFITTERY hingeweisen. Sie läuft auf dem dem Kreativen-Portal dasauge und spottet jeder Beschreibung.

Dort wird ein Freelancer zur Bearbeitung von Bildern gesucht. Zur Begriffsdefinition: Der Begriff Freelancer stammt aus dem Mittelalter-Roman »Ivanhoe« von 1820, in dem der Autor Sir Walter Scott freie Lanzenträger beschreibt – also Söldner, die sich und ihre Lanze gegen Geld anwerben lassen und ansonsten nur sich selbst gegenüber verpflichtet sind. Auch heute gibt es noch militärische Freelancer (von Blackwater bis zum Islamischen Staat ist alles dabei), aber hier geht es um einen Kreativen.

In diesem Bereich versteht man einen Selbständigen darunter, der aufgrund eines Dienst- oder Werkvertrags Aufträge für einen Auftraggeber ausführt. Dabei ist entscheidend, dass er wirtschaftlich selbstständig und somit kein Arbeitnehmer ist – darum ist auch natürlich das Arbeitsrecht wie etwa der Kündigungsschutz nicht auf ihn anwendbar und er ist nicht sozialversicherungspflichtig. Das ist für einen Auftraggeber sehr preiswert, verglichen mit einem regulär angestellten Grafiker. Freelancer sind in aller Regel ausgebildete Gestalter mit langjähriger Berufserfahrung, oft hoch spezialisiert.

Auch ich bin ein solcher Freelancer. Wieso rege ich mich also auf?

Die gesuchte Person soll für OUTFITTERY serielle Bildbearbeitung (Hautretusche, Farbanpassung und -korrektur) eigenverantwortlich umsetzen und ist außerdem für die Optimierung von RAW-Bilddaten zuständig. Erwartet werden gute (nicht irgendwelche, sondern explizit gute) Kenntnisse in Photoshop und Lightroom sowie noch ein Batzen irgendwelcher Human-Resources-Management-Blabla-Softskills. Das ist das Profil eines spezialisierten Bildbearbeitungs-Profis.

Sklaverei statt Augenhöhe

Aber OUTFITTERY sucht keinen Geschäftspartner auf Augenhöhe. OUTFITTERY sucht in Wahrheit einen Sklaven.

OUTFITTERY-Jobanzeige bei dasauge, abgerufen am 16.12.2014
OUTFITTERY-Jobanzeige bei dasauge, abgerufen am 16.12.2014

Kern des Ganzen Jobangebots und meiner Aufregung ist gleich der erste Satz dessen, was OUTFITTERY mir »bietet«:

• Einen Stundenlohn von 9 €

Ja. 9 (in Worten: NEUN) Euro. Das ist knapp über dem ab dem 1. Januar 2015 verbindlichen Mindestlohn in Höhe von 8,50 Euro, der schon für viele Praktikanten Anwendung findet. NEUN EURO!! Für einen hoch qualifizierten Freelancer! Das ist kein Angebot – OUTFITTERY will hier ein Dumping-Preisniveau durchsetzen. Perfide dabei: OUTFITTERY drückt sich bereits vor der Verantwortung, eine sozialversicherungspflichtige Stelle zu schaffen und spart mit dem Freelancer schon an der Sozialversicherung und hat auch noch all die Arbeitgebervorteile, nach der sich die Raubtierkapitalisten weltweit die blutigen Klauen lecken. Das Angebot von neun Euro pro Stunde ist nicht nur dreist, das Angebot eine absolute Unverschämtheit – moralisch wie ethisch.

Aber wartet, das ist noch nicht alles. OUTFITTERY bietet zum »Ausgleich« für den Dumping-Lohn noch mehr:

• Einen spannenden Arbeitsplatz in einem dynamischen, hoch motivierten Team
• Anspruchsvolle eigenverantwortliche Aufgaben mit viel Gestaltungsspielraum und Entwicklungsmöglichkeiten
• Luft, Liebe, Leben und Arbeiten in der Startup-Welt Berlin

Ein bisschen Worthülsengedöns-Blabla, bei dem jeder einschläft – und was war das? Luft und Liebe? Luft und Liebe?? Weil selbst OUTFITTERY klar ist, dass 9 Euro zu wenig ist, gibt’s ein bisschen Luft und Liebe dazu oder was? Wie bescheuert ist das denn?

Also, OUTFITTERY: Ich nehme mal an, dass Du Dich beim Aufsetzen der Anzeige vertan hast: Ein Stundensatz von 90 (in Worten: NEUNZIG) Euro ist nämlich erheblich näher an dem dran, was Euer Freelancer zu verdienen hat – auch ich habe einen Stundensatz von 80 Euro. Es wird also wohl eine Null fehlen, nehme ich an? Wenn Ihr Euer Angebot korrigiert, dann aktualisiere ich diesen Beitrag hier natürlich. Sollte das aber tatsächlich Euer Angebot an uns Kreative sein, dann wünsche ich jedem Einzelnen von Euch einen eitrigen Furunkel an den Arsch, dahin, wo es besonders zwickt. Und er möge nie wieder weggehen.

UPDATE 18.12.2014:

OUTFITTERY hat auf die heftige Kritik in den sozialen Netzwerken reagiert und sein Jobangebot überarbeitet, der Hinweis auf die neun Euro ist raus. Er ist allerdings auch durch nichts ersetzt worden. Ich hätte jetzt unter »Wir bieten dir« eine Formulierung wie »eine angemessene Entlohnung« erwartet. Doch nun darf man sich nur noch von Luft und Liebe ernähren. Offenbar wollen die einen Spezialisten, der ehrenamtlich für sie arbeitet. Furunkel, Furunkel.

OUTFITTERY Teil 2
OUTFITTERY Teil 2